Warum das Meer plötzlich unser wichtigster Schutzwall ist: 4 Erkenntnisse der 14. Nationalen Maritimen Konferenz

Lange Zeit war das Meer für die deutsche Öffentlichkeit vor allem eines: Sehnsuchtsort für den Urlaub oder die ferne, lautlose Kulisse eines Welthandels, der wie von Zauberhand funktionierte. Doch dieses Bild der maritimen Sorglosigkeit ist in der harten Realität der geopolitischen Zeitenwende zerschellt. Das Meer ist kein idyllischer Hintergrund mehr, sondern die vorderste Front unserer wirtschaftlichen und nationalen Sicherheit.

Auf der 14. Nationalen Maritimen Konferenz (NMK) in Emden wurde dieser Wendepunkt unmissverständlich markiert. Bundeskanzler Friedrich Merz eröffnete die Konferenz mit einer Warnung, die keinen Raum für Interpretationen ließ: „Es gibt hier eine Dringlichkeit, die wir bisher nicht gekannt haben.“ Wir erleben das Ende einer maritimen Blindheit, die uns jahrelang glauben ließ, Sicherheit auf See sei ein optionales Extra. Heute ist klar: Die maritime Industrie ist der entscheidende Expertiseträger für Hochtechnologie, der unsere nationale Souveränität garantiert.

Sind wir als Gesellschaft bereit, das Meer nicht mehr nur als Handelsweg, sondern als unseren wichtigsten strategischen Schutzraum zu begreifen?

1. „No Shipping, No Shopping“: Sicherheit als wirtschaftliches Fundament

Maritime Sicherheit ist das unsichtbare Fundament, auf dem unser gesamter Wohlstand ruht. Werden die Seewege instabil, wackelt die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Dr. Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister von Hamburg, brachte diese existenzielle Abhängigkeit auf der Konferenz mit einer drastischen Formel auf den Punkt:

„No shipping – no shopping: ohne Schifffahrt sind die Regale leer, wird Produktion heruntergefahren, Wirtschaft bricht zusammen – nicht nur an der Küste.“

Diese Erkenntnis macht deutlich: Maritime Resilienz ist kein Nischenthema für Reedereien, sondern beeinflusst direkt den Alltag jedes Bürgers. Der maritime Koordinator der Bundesregierung, Dr. Christoph Ploß, unterstrich, dass Deutschland ohne einen starken Schifffahrtsstandort in Krisen- oder gar Kriegszeiten vor kaum lösbaren Problemen stünde. Die Sicherung maritimer Lieferketten ist somit eine synergetische Großaufgabe, bei der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik untrennbar miteinander verschmelzen müssen.

2. Das neue Tempo der Wehrhaftigkeit: Von Dekaden zu Monaten

Ein zentrales Ergebnis der von Dr. Moritz Brake moderierten Diskussionen war der radikale Wandel im Marineschiffbau. Die Ära der jahrzehntelangen Planungsprozesse ist vorbei; die Bedrohungslage erzwingt eine Geschwindigkeit, die noch vor kurzem als unmöglich galt. Dr. Oliver Juckenhöfel (TKMS) präsentierte beeindruckende Daten für diesen technologischen und prozessualen Sprung: Durchläufe, die früher 5 bis 10 Jahre beanspruchten, werden nun in nur 2 Jahren realisiert.

Diese Beschleunigung ist kein reiner Effizienzgewinn, sondern eine Überlebensfrage für die nationale Souveränität. In einem potenziellen „langen Krieg“, wie ihn Strategen befürchten, entscheidet die industrielle Regenerationsfähigkeit über Sieg oder Niederlage. Tim Wagner (Rheinmetall) betonte in diesem Kontext die Rückkehr zur Serienfertigung. Nur durch kontinuierliche Produktion können verloren gegangene Kompetenzen und Fachkräfte zurückgeholt und langfristig gesichert werden. Die maritime Industrie wandelt sich unter Druck von der spezialisierten Manufaktur zur reaktionsschnellen Sicherheitsgarantin.

3. Das technologische Faustpfand: Radar, FüWes und Drohnenabwehr

Um in einer instabilen Welt handlungsfähig zu bleiben, benötigt Deutschland eine lückenlose „Technologische Architektur“. Vizeadmiral Jan Christian Kaack skizzierte das Bedrohungsspektrum, das weit über das hinausgeht, was wir derzeit im Roten Meer erleben: Es geht um Schwärme von Drohnen in allen Dimensionen – in der Luft, an der Wasseroberfläche und unter Wasser – sowie um ballistische Raketen, Marschflugkörper und Minen.

Die notwendigen technologischen Schlüsselkomponenten für diese Verteidigungsfähigkeit umfassen laut Experten wie Frank Menning (WTD71) und den Industrievertretern:

  • Weitreichende Lagebilderstellung: Systeme wie das SMART-L-Radar mit einer Reichweite von 400 km zur frühzeitigen Erkennung von Bedrohungen.
  • Integrierte Führungssysteme (FüWes): Ein Software-Ökosystem, in dem alle Plattformen in Echtzeit miteinander kommunizieren.
  • Aktive Verteidigungskapazitäten: Technologische Antworten auf asymmetrische Angriffe durch Drohnenschwärme an kritischen Knotenpunkten.

Vizeadmiral Carsten Stawitzki (BMVg) warnte eindringlich, dass reiner Wettbewerb zwischen den Unternehmen hier kontraproduktiv ist. Die industrielle Basis muss nach klaren Vorgaben der Streitkräfte zusammenarbeiten, damit Schnittstellen reibungslos in einem gemeinsamen Software-Ökosystem funktionieren.

4. Die unbequeme Wahrheit: Deutschland im Fadenkreuz

Die wohl härteste Erkenntnis der NMK betrifft die Rolle Deutschlands in der neuen Weltordnung. Wir sind kein unbeteiligter Zuschauer mehr. Ob die Sicherung der Straße von Hormus oder die Verteidigung der NATO-Nordflanke – die Einschläge kommen näher. Thomas Röwekamp, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, fand für das Risiko eines Angriffs auf das Bündnisgebiet klare Worte:

„Wenn Russland die Nato angreift, wird Deutschland eines der ersten Angriffsziele sein. Und ein solcher Krieg wird lange dauern.“

Als rationale Antwort auf diese Bedrohung wurde der „Made with Europe“-Ansatz diskutiert. Ein Paradebeispiel für diese strategische Neuausrichtung ist die deutsch-niederländische Industriestrategie. Nur durch solche grenzüberschreitenden Kooperationen können technologische Standards gesetzt, Skaleneffekte genutzt und die notwendige industrielle Masse für eine glaubwürdige Abschreckung aufgebaut werden.

Fazit: Maritimes Denken als Bürgerpflicht

Die 14. Nationale Maritime Konferenz hat ein neues Bewusstsein geschaffen: Maritime Sicherheit ist gleichbedeutend mit nationaler Resilienz. Das Meer ist der Raum, in dem sich unsere Zukunft entscheidet – ökonomisch wie sicherheitspolitisch. Es ist an der Zeit, „maritim zu denken“. Das bedeutet, die maritime Industrie nicht nur als Wirtschaftszweig zu sehen, sondern als industrielle Schlüsseltechnologie zur Sicherung unserer Freiheit.

In einer Ära machtpolitischer Eskalation bleibt die entscheidende Frage: Besitzt Europa den politischen Willen und die industrielle Kraft, seine Souveränität auf den Weltmeeren aus eigener Stärke zu verteidigen?

„Statt mit der Gießkanne Geld überall hinzuverteilen, müssen wir uns auf das fokussieren, was unsere Resilienz stärkt.“ 

„Statt mit der Gießkanne Geld überall hinzuverteilen, müssen wir uns auf das fokussieren, was unsere Resilienz stärkt.“

Dr. Moritz Brake, zum Auftritt bei Markus Lanz, 14.04.2026, ZDF

Der globale Seehandel stellt das Rückgrat der europäischen Wirtschaft dar. Um dieses strategische Fundament zu stärken und zu schützen, muss die maritime Wirtschaft, die Fähigkeit zum heimischen Schiffbau, sowie notwendige Reparaturfähigkeit und Redundanzen für kritische Infrastruktur krisenfest ausgebaut werden.

Resilienz der Seeschifffahrt baut auf diese zentralen Säulen:

Abwehrfähigkeit: Militärischer Schutz vor Angriffen auf Seewege wie in der Straße von Hormus, effizient und mit globaler Reichweite, fähig mit Schwärmen von Drohnen, Marschflugkörpern und Minen umzugehen. Gesamtgesellschaftlich, zivil-militärisch gegen hybride Angriffe, Cyberattacken und analoge Sabotage.
Sicherstellung von ziviler und militärischer Transportkapazität im Krisen- und Verteidigungsfall: Ohne maritime Versorgung kommt unsere Wirtschaft zum Erliegen. Ohne funktionierenden Seetransport – nicht nur für militärische Güter – ist Europa nur wenige Wochen verteidigungsfähig. Glaubwürdige Abschreckung beruht auf der Fähigkeit, auch einen längeren Krieg erfolgreich – oder zumindest unter inakzeptablen Schmerzen für den Angreifer – bestehen zu können.
Sicherstellung eigener Reparaturfähigkeit: Um eine hohe Krisenfestigkeit zu erreichen, muss eine schnelle Wiederaufnahme des Regelbetriebes ermöglicht werden. Hierzu können Unternehmen Ersatzteile und eigene, sowie externe Fachkräfte vorhalten.
Vernetzung und Adaption: Abstimmung und Informationsaustausch zwischen Wirtschaft, Behörden und Streitkräften ist Voraussetzung für einumfassendes Lagebild und krisentaugliche Handlungsfähigkeit.
Resilienz muss vom Gesamtsystem her gedacht werden:
„Nicht das schwächste Glied der Kette sein – und die ganze Kette mitbedenken.“

Wer seine eigene Resilienz stärkt, schützt damit auch die Lieferketten anderer und des gesamten Systems. Innovation ist hierbei der entscheidende Hebel. Mit „business as usual“ kommen wir in diesen Zeiten nicht weiter.

Der Krieg findet bereits statt – in unseren Köpfen, um das Vertrauen in unseren Staat, unsere Demokratie, unser Europa.

Während der Münchner Sicherheitskonferenz durfte unser Geschäftsführer Dr. Moritz Brake an einer hochkarätigen Nebenveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung im Amerikahaus München teilnehmen. Das Thema könnte aktueller kaum sein: „Weaponising the Mind: Rethinking Trust in Times of Cognitive Warfare“.

Die zentrale Erkenntnis des Abends? Der Kampf um die liberale Demokratie wird nicht mehr nur an physischen Fronten entschieden, sondern in unseren Taschen – auf unseren Smartphones.

Die wichtigsten Impulse des Abends finden Sie im vollständigen LinkedIn Beitrag: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7429477890830016514

Im Austausch zur sicherheitspolitischen Realität von morgen

Anfang der Woche waren Tim Boch und Jan Jochum von der NEXMARIS-Crew in Hamburg bei der GIDS Debatte des German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) in der Handelskammer Hamburg.

Unter dem Titel
„Stell dir vor, 2029 ist Krieg – sind wir bereit für den Ernstfall?“ diskutierten hochkarätige Gäste aus Politik, Bundeswehr, Wirtschaft und Wissenschaft über Deutschlands Rolle als logistische Drehscheibe der NATO, über Resilienz, Verteidigungsfähigkeit und die Auswirkungen eines möglichen Ernstfalls auf Gesellschaft und Wirtschaft.

Den vollständigen LinkedIn Beitrag finden Sie hier: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7407750980114554880

MS&D 2025 – The International Conference on Maritime Security and Defence 🌊

Gestern war Dr. Moritz Brake auf der Maritime Security & Defence Conference (MS&D) in Hamburg – dem zentralen Forum für Marine, Politik, Industrie und Wissenschaft als Teil der SMM. Es ist zum ersten Mal eine zusätzliche Veranstaltung im Zwischenjahr der SMM.

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Ukraine’s security is our security – NEXMARIS auf der Berliner Sicherheitskonferenz 2025

Dr. Moritz Brake und Marcel Kolb waren in dieser Woche auf der Berliner Sicherheitskonferenz – einem der wichtigsten sicherheitspolitischen Foren Europas. Die zentrale Botschaft vieler Sprecher war klar: Europa steht vor omnidirektionalen Bedrohungen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell wir unsere Verteidigungsfähigkeit und Resilienz stärken.

🔥 „Wir sind nicht im Krieg – aber wir sind auch nicht mehr im Frieden“ –
jüngst auch vom deutschen Bundeskanzler auf den Punkt gebracht, prägte viele Panels.

Den vollständigen LinkedIn Beitrag finden Sie hier: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7396901596321796096

„Der erste Schuss des nächsten Krieges könnte auf See fallen.“

Mit dieser eindringlichen Botschaft eröffnete Dr. Moritz Brake gestern seine Keynote bei Computacenter Germany AG & Co. oHG in Kerpen. ⚓️

Vor Gästen aus Wirtschaft, IT und Verteidigung machte er deutlich, wie ernst die Lage inzwischen ist: Unsere vitalen nationalen Interessen stehen längst unter Druck – nicht in einer fernen Zukunft, sondern jetzt. Und unsere Ressourcen sind bereits heute so knapp, dass strategische Handlungsfähigkeit kein Selbstläufer mehr ist.

Dr. Moritz Brake betonte, dass unser gesamtes Leben viel stärker vom Meer abhängt, als vielen bewusst ist: 90 % des Welthandels und 80 % unserer Energieversorgung laufen über See. Europa verfügt über Ölreserven für etwa 90 Tage – doch jährlich sichern rund 800 Tanker unsere Energiezufuhr. Wenn Handelsschifffahrt oder maritime Logistik ins Stocken geraten oder gezielt angegriffen werden, trifft es Deutschland und Europa sofort und hart.🌍

Souveränität bedeutet Handlungsfähigkeit.
Und diese beginnt mit einem verlässlichen, integrierten Lagebild. Dr. Moritz Brake machte deutlich, dass wir alle verfügbaren Informationen zusammenführen müssen, um zu erkennen, wann sich Situationen verschärfen, wann Unregelmäßigkeiten mehr sind als nur Zufälle – und ab wann aus einer Auffälligkeit eine Bedrohung oder gar ein Angriff wird. Die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen künftig getroffen werden müssen, steigt massiv. Ohne klare Entscheidungsunterstützung, ohne robuste maritime Infrastruktur und ohne resiliente Lieferketten werden wir zukünftigen Krisen weder heute noch morgen gewachsen sein.

„Fight tonight, fight tomorrow“ – dieser Gedanke prägt die sicherheitspolitische Realität unserer Zeit. ⚠️

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rede: Innovation als strategischer Sicherheitsfaktor.
Die Innovationskraft Deutschlands und Europas ist enorm – aber sie braucht Rahmenbedingungen, die Wirkung ermöglichen. Maritime Sicherheit, Digitalisierung, KI und geopolitische Herausforderungen wachsen immer stärker zusammen. Innovation ist kein Selbstzweck, sondern essentiell für Resilienz und Verteidigungsfähigkeit. 🔧🤖

Als NEXMARIS arbeiten wir genau an diesen Schnittstellen:
Wir unterstützen Unternehmen, Behörden und Organisationen dabei, maritime Risiken zu verstehen, Resilienz aufzubauen und Handlungsfähigkeit in Krisen zu sichern.

Ein herzlicher Dank geht an Computacenter für die Einladung und die hervorragende Organisation des Abends.

Und ein besonderer Dank an den Moderator Falk A. Schmidt für die souveräne Führung durch die Diskussion und an Arne Kölln🙌

 Neue Routen, alte Risiken?

Die Istanbul Bridge hat am 15.10.2025 Hamburg erreicht – nach nur 20 Tagen Transitzeit auf der neuen China-Europe Arctic Express Route. Eine Nachricht, die aufhorchen lässt: 13.900 Kilometer durch das Eismeer, abgekürzt durch die Nordostpassage – eine Strecke, die aktuell beinahe doppelt so lange dauert, wenn Schiffe durch den Suezkanal (20.400 Kilometer) fahren müssen.

Doch wie bewerten wir diese Entwicklung aus sicherheits- und geopolitischer Sicht?

💬 Unser Kollege Tim Boch (Experte für maritime Logistik und Supply Chain Management) ordnet ein: „Die sehr kurze Transitzeit von Asien nach Europa mit rund 20 Tagen mag auf den ersten Blick verlockend klingen.
Dennoch gilt es zwei zentrale Punkte kritisch zu berücksichtigen:
Erstens führt diese Route durch ein hochsensibles Ökosystem. Die Arktis leidet bereits extrem unter den Folgen des Klimawandels – eine regelmäßige kommerzielle Schifffahrt könnte diesen Trend dramatisch verstärken.
Eine Havarie oder der Verlust von Gefahrgut hätte katastrophale Folgen.

Zweitens liegt die Nordostpassage fast vollständig in russischen Hoheitsgebieten. In der aktuellen geopolitischen Lage kann es kaum im Interesse Europas sein, neue Abhängigkeiten zu schaffen.
Auch die fehlende Infrastruktur entlang der Route birgt erhebliche Risiken: Was passiert im Notfall, bei Verletzungen oder technischen Defekten? Mir sind zumindest aktuell keine Schiffsversorger, Lotsenstationen oder Krankenhäuser entlang der Route bekannt.“

⚓ NEXMARIS-Fazit:
Die Arktisroute ist mehr als eine logistische Alternative – sie ist ein geopolitisches Signal. Während China diese Route nutzt, wird Europa auf die längere Route angewiesen sein.
Sie zeigt, wie sehr wirtschaftliche Effizienz, ökologische Verantwortung und sicherheitspolitische Stabilität miteinander verknüpft sind.
Die Frage ist also nicht nur ob diese Route machbar ist – sondern ob sie verantwortbar ist.

❓Was denken Sie:
Ist die Nordostpassage ein notwendiger Schritt zur Diversifizierung globaler Lieferketten – oder ein riskantes Spiel mit Umwelt und Sicherheit?